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Management

Von Kanadiern lernen

Julia Dombrowski kennt das vielleicht netteste Volk der Welt. Und wüsste gern, ob man sich von ihm was abgucken sollte.

Kana­da ist ver­mut­lich das fre­undlich­ste Land dies­er Erde. Wenn ein Ka­nadi­er mal ein wilder Van­dale sein will, dann bepflanzt er die Sch­laglöch­er sein­er Straßen mit Blu­men – damit das Straßen­bild hüb­sch­er wird. Und wenn ein ka­nadisch­er Pol­izist ei­nen Fahr­er aus dem Verkehr her­auswinkt, dann muss das nicht daran lie­gen, dass der Fahrzeugführ­er sich et­was zuschul­den kom­men ließ – im Ge­gen­teil: In Ka­na­da gibt es näm­lich Tick­ets der Verkehr­spol­izei für vor­bildlich­es Ver­hal­ten.
Vielleicht sollte man sich die ka­nadische Fre­undlichkeit zum Vor­bild neh­men, wenn man in der Geschäftswelt wied­er ein­mal gereizt auf Un­sit­ten reagiert. Un­sit­ten am Tele­fon beispiel­sweise, die ir­gend­welche Mar­ket­ing­coach­es er­fun­den, in die Welt ge­set­zt und dann auch noch in Ver­triebssem­inaren zu ihr­er Ver­bre­i­tung beige­tra­gen haben. Künftig kön­nte man es mal ver­suchen: Nicht die­jeni­gen anknur­ren, die einem den Ar­beit­sall­t­ag ver­lei­den – son­dern die­jeni­gen mit Lob über­schüt­ten, die das nicht tun.
Wie wäre es damit, je­den mit Kom­pli­men­ten zu be­loh­nen, der ver­sucht, am Tele­fon et­was zu verkaufen, aber trotz­dem nicht je­den einzel­nen sein­er Sätze mit dem Na­men seines Ge­genübers been­det. „Guten Tag, Frau Dom­brows­ki, das kön­nte Sie in­teressieren, Frau Dom­brows­ki, ich habe da eine span­nende Möglichkeit für Sie,
Frau Dom­brows­ki …“ Wer Mi­tar­beit­er von Ver­trieben und Call­cen­tern je­mals eingeimpft hat, das sei ein Er­fol­gs­rezept für gute Verkaufs­ge­spräche, der ge­hört … Ach nein, falsche Tak­tik. Nicht die anknur­ren, die ei­nen in den Wahnsinn treiben – son­dern die an­deren loben. Ver­mut­lich ist im Land der schul­terk­lopfen­d­en Verkehr­spol­izis­ten der Satz „Vielen Dank, dass Sie mei­nen Na­men nicht sa­gen“ eine ganz nor­male All­t­agsphrase.
Im­mer wied­er sind Ver­triebe so fre­undlich, von sich aus bei mir anzu­rufen. Zum Beispiel, um mir Ange­bote zu un­ter­breit­en, natür­lich während mein­er Ar­beit­szeit – in der bin ich sch­ließlich höchst­wahrschein­lich zu er­reichen. Dum­mer­weise ver­plane ich meine Ar­beit­szeit sehr gerne mit Ar­beit und bin de­shalb nicht son­der­lich er­picht auf diese An­rufe. Zu­mal die An­rufer oft ungern so­fort auf den Punkt brin­gen, was sie ei­gentlich von mir wollen, son­dern erst mal ihre lan­gat­mige Ein­lei­tung herun­ter­leiern möcht­en. Wenn man wie ich eher höflich ist (ich kön­nte an guten Ta­gen glatt Ka­nadierin sein!), mag man Men­schen am Tele­fon nicht ein­fach ab­wür­gen. Ich höre mir ei­nen Ver­triebsser­mon dann al­so mehr oder weniger ge­duldig an. So wie neulich: „Vielleicht wussten Sie schon, dass uns­er Un­terneh­men neuerd­ings eine Ko­op­er­a­tion mit ... und Sie als langjährige Kundin … und de­shalb würde ich Ih­nen gerne
erk­lären ..." …– Ir­gend­wann wurde es selbst mein­er höflichen Ad­er zu lan­gat­mig. Trotz mein­er guten Kin­der­s­tube un­ter­brach ich den Sprechen­den, ver­wies auf die Tageszeit – eine übliche Büros­tunde – und bat darum, ein­fach zu ver­rat­en, was er mir an­bi­eten wolle. Seine über­raschend ehr­liche Reak­tion: „Nein. So ar­beit­en wir nicht.“ Ach so.
Was würde ich als Ka­nadierin in dies­er Si­t­u­a­tion tun? Das Ge­genüber loben, dass es wenig­stens nicht in je­dem Satz mei­nen Na­men wieder­holt hat?

Ju­lia Dom­brows­ki | re­dak­tion@nied­er­rhein-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 07/2015



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