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Privat

Macht Geld glücklich?

Ob finanzieller Wohlstand glücklich und zufrieden macht, hängt vor allem davon ab, wofür man sein Vermögen einsetzt. Ohne große Ziele kann Reichtum einsam und unglücklich machen.

„Geld allein macht nicht glück­lich“, sagt der Volks­mund. Und der US-amerikanische Komik­er Dan­ny Kaye hat mit einem Au­gen­zwink­ern ergänzt: „Es ge­hören auch Ak­tien, Gold und Grund­stücke dazu.“ Doch auch bei ern­sthafter Be­trach­tung scheint es oft, als sei für die meis­ten Men­schen kaum ein Ziel er­streben­sw­ert­er als möglichst großer fi­nanzieller Wohl­s­tand, als Reich­tum. Im Grunde über­rascht das kaum, zeigt doch schon ein Blick in den Du­den, dass Reich­tum eine gute Sache ist. Hi­er fin­d­en sich äußerst pos­i­tiv kon­notierte Syn­onyme wie Fülle, Viel­falt, Bun­theit oder Kom­fort. Und wer ken­nt es nicht, die­s­es Glücks­ge­fühl, wenn ein heiß begehrter Ge­gen­s­tand endlich in den ei­ge­nen Be­sitz überge­ht? An­der­er­seits: Ste­ht der neue Sport­wa­gen dann in der Garage und die Hand­tasche der Träume im Schrank, lässt das Glücks­ge­fühl merk­lich nach. Zweifel an der pos­i­tiv­en Ko­r­re­la­tion zwischen Geld und Glück sind al­so berechtigt. Und es stellt sich die Frage: Ist Reich­tum tat­säch­lich er­streben­sw­ert? Macht Geld glück­lich?
„In der Kon­sumge­sellschaft ist der Er­werb von Gütern und Leis­tun­gen die Quintessenz unseres Da­sein­s“, sagt Tarek El-Se­hi­ty. Er ist Wirtschaft­spsy­chologe und un­ter­richtet an eu­ropäischen Uni­ver­sitäten die Psy­cholo­gie des Geldes, u.a. an der Liecht­en­stein Acade­my Foun­da­tion in Va­duz und an der Sig­mund Freud Pri­va­tU­ni­ver­sität in Wien. „Reich­tum im Sinne un­be­gren­zter Kaufmöglichkeit­en repräsen­tiert fol­glich ei­nen Zu­s­tand paradie­sisch­er Glücks­ge­füh­le“, erk­lärt der Ex­perte. Dann zu be­haupten, Reich­tum mache nicht glück­lich, er­scheine ger­adezu blasphemisch. „Den­noch ist es nicht der Reich­tum, der uns glück­lich macht, Glücks­ge­füh­le re­sul­tieren aus der Ver­wirk­lichung unser­er Ziele“, sagt EL-Se­hi­ty. Und mehr noch: Wahres Glück könne nur aus der Gewis­sheit ent­ste­hen, dass alles da ist, dass es an nichts fehlt. „Die­s­es Ge­fühl, eine solche Ge­lassen­heit lässt sich nicht durch Un­men­gen an Be­sitztümern erzeu­gen“, sagt EL-Se­hi­ty.

Geld sorgt für die Grun­dents­pan­nung


Marie-Chris­tine Os­ter­mann würde EL-Se­hi­tys The­o­rie ver­mut­lich un­ter­schreiben. Die 37-Jährige führt seit ne­un Jahren ge­mein­sam mit ihrem Vater die Rul­lko Großeinkauf GmbH & Co. KG in Hamm, die mit 150 Mi­tar­beit­ern ei­nen Um­satz von et­wa 75 Mil­lio­nen Eu­ro erzielt. „Natür­lich ge­nieße ich es, mir ab und zu mal ei­nen schö­nen Ur­laub zu gön­nen oder eine tolle Hand­tasche zu kaufen“, sagt Os­ter­mann. Was sie per­sön­lich glück­lich mache, seien je­doch in er­ster Linie Werte, die man nicht kaufen kann. Die Liebe in ihr­er Fam­i­lie ge­hört dazu, ein guter Zusam­men­halt im Fre­un­deskreis und Ge­sund­heit. Geld spiele allerd­ings schon eine Rolle. „Aus­reichend Geld zur Ver­fü­gung zu haben ver­mit­telt mir Zufrie­den­heit und vor allem das Wis­sen, dass für meine Fam­i­lie und mich ge­sorgt ist“, erk­lärt Os­ter­mann. Die Gewinne, die ihr Un­terneh­men er­wirtschaftet, machen sie durchaus glück­lich. „Es ist schön, wenn man die Möglichkeit hat, zu rein­vestieren, um Wach­s­tum zu erzielen, neue Ar­beit­s­plätze zu schaf­fen“, sagt die Fir­menchefin. Die starke Ei­genkap­i­talquote, die Rul­lko über viele Jahrzeh­nte hin­weg aufge­baut hat, sei ein guter Puf­fer für mögliche Krisenzeit­en. „Die fi­nanziellen Mit­tel geben dem Un­terneh­men, den Mi­tar­beit­ern und natür­lich auch mir Sicher­heit“, erk­lärt Os­ter­mann. „So ent­ste­ht eine Grun­dents­pan­nung und das ist gut.“ Luxus hinge­gen brauche sie über­haupt nicht.
Die The­o­rien von Forsch­er Tarek EL-Se­hi­ty und die Auf­fas­sung von Un­terneh­merin Marie-Chris­tine Os­ter­mann le­g­en eine Th­ese na­he: Reich­tum allein macht zwar nicht glück­lich, aber Geld hilft dabei, Glück zu er­reichen. Ähn­lich sa­hen es auch die Psy­cholo­gen, die im März die­s­es Jahres auf ein­er Ta­gung in Long Beach (Kal­i­fornien) zusam­menka­men. Das Faz­it der Kon­ferenz mit dem aben­teuer­lichen Ti­tel „Hap­py Mon­ey 2.0“: Es kommt weniger da­rauf an, wie viel Reich­tum je­mand be­sitzt, son­dern vielmehr da­rauf, wie er ihn einset­zt. So beschere es kaum Glück, Geld zu hort­en, es gewinn­brin­gend ar­beit­en zu lassen, mit dem einzi­gen Ziel, noch reich­er zu wer­den. Geld für schöne und sin­n­volle Dinge auszugeben, es da­rauf zu ver­wen­den, Leben­s­pläne umzusetzen, Ideen, Vi­sio­nen zu ver­wirk­lichen, könne dage­gen sehr wohl glück­lich und zufrie­den machen.
Doch damit sind längst nicht alle Fra­gen zur der Wech­sel­bezie­hung zwischen Geld und Glück beant­wortet. Was et­wa geschie­ht, wenn ein reich­er Men­sch, der sein Ver­mö­gen nutzt, um per­sön­lich er­fül­lende sowie ökonomisch und ge­sellschaftlich sin­n­volle Dinge zu tun, im­mer reich­er wird? Ver­hilft Reich­tum zu Zufrie­den­heit, so müsste sich diese mit zuneh­men­den fi­nanziellen Res­sour­cen steigern lassen. An­der­er­seits ist leicht vorstell­bar, dass ein Glück, das auf Reich­tum basiert, ir­gend­wann an Grenzen stößt. An die Grenzen zum sat­ten, lang­weili­gen Über­fluss. Dort, wo Kom­fort ein Höch­st­maß er­reicht, Viel­falt und Bun­theit des Lebens aber möglicher­weise auf der Strecke bleiben.

50.000 Eu­ro als magische Grenze

Marie-Christine Ostermann, Mitinhaberin der Rullko Großeinkauf GmbH & Co. KG in Hamm
Marie-Chris­tine Os­ter­mann, Mit­in­hab­erin der Rul­lko Großeinkauf GmbH & Co. KG in Hamm


Der Wirtschaft­s­no­bel­preisträger Daniel Kah­ne­man hat da­rauf eine Ant­wort. Er definiert eine magische Grenze von 50.000 Eu­ro Jahre­seinkom­men. Bis zu dies­er Sch­welle passen Geld und Glück gut zusam­men, die Zufrie­den­heit wächst mit zuneh­men­den Einkünften. Jed­er Eu­ro trägt dazu bei, dass ein Grundbedürf­nis nach dem an­deren be­friedigt wer­den kann, solange, bis das Leben in fi­nanzieller Hin­sicht sor­gen­frei ist. Dann allerd­ings en­tkop­peln sich Glück und Geld – ein Phäno­men, das der Psy­chologe Jor­di Quoid­bach in ein­er Studie erk­lärt hat. Reich­tum min­dere die Freude an schö­nen Din­gen, da sie im­mer er­reich­bar sind und ständig zur Ver­fü­gung ste­hen.
Ähn­lich sie­ht es der Sch­weiz­er Wirtschaftswis­sen­schaftler Bruno S. Frey. Men­schen mit höherem Einkom­men seien zwar in der Tat glück­lich­er als Ger­ingver­di­en­er. Der „Gren­znutzen“ des Geldes sinke je­doch, sobald sehr ho­he Einkom­men­sk­lassen er­reicht wer­den. Damit macht Geld die­jeni­gen zufrie­den, die zunächst wenig davon haben und dann langsam mehr ver­di­e­nen. Wer je­doch viel hat und noch et­was mehr bekommt, ver­spürt kein größeres Glück. Der US-Ökonom Richard East­er­lin wiederum hat bere­its in den 1970er-Jahren em­pirisch nachgewie­sen, dass Reich­tum zwar durchaus glück­lich macht, aber nur in­n­er­halb ein­er Ge­sellschaft. Ver­gleicht man das Pro-Kopf-Einkom­men eines Lan­des und das in Stu­di­en angegebene Lebens­glück über Lan­des­grenzen hin­weg, so stellt sich her­aus, dass reichere Na­tio­nen nicht glück­lich­er sind als ärmere. In­n­er­halb ein­er Ge­sellschaft macht Reich­tum zufrie­den, weil Men­schen sich di­rekt ver­gleichen kön­nen. Und wer fest­stellt, dass er mehr hat als an­dere, empfin­d­et Glück.
„Mir per­sön­lich kommt es auf so ei­nen Ver­gleich gar nicht an“, sagt ein Start-up-Grün­der aus En­nepe­tal, der na­mentlich nicht ge­nan­nt wer­den möchte. Der Grund: Er hat vor sechs Mo­nat­en fast 500.000 Eu­ro geerbt. „Ich will wirk­lich nicht, dass viele Men­schen darüber Bescheid wis­sen“, erk­lärt er. Das Geld möchte er in sein junges Un­terneh­men steck­en, denn die­sem ging es bis zur Erb­schaft des Grün­ders nicht be­son­ders. Dass es glück­lich macht, plöt­zlich über das nötige Kap­i­tal zu ver­fü­gen, um wichtige Schritte endlich tun zu kön­nen, bestätigt der Un­terneh­mer gern. „Natür­lich ge­ht es mir viel bess­er, seit ich weiß, dass meine Fir­ma über­leben wird“, sagt er. „Ich bin auf je­den Fall glück­lich­er als vorher.“

Reiche Men­schen sind glück­lich­er


Dann macht Reich­tum al­so doch glück­lich. Die Langzeit­s­tudie des Sozio-oekonomischen Pan­els (SOEP) des Deutschen In­sti­tuts für Wirtschafts­forschung (DIW) in Ber­lin scheint die Th­ese auf den er­sten Blick zu bestäti­gen. Das DIW be­fragt seit 1984 jähr­lich 30.000 Per­so­n­en in 11.000 Haushal­ten zu The­men wie Einkom­men, Er­werb­stätigkeit, Bil­dung oder Ge­sund­heit. Ein Ergeb­nis aus dem um­fassen­den Daten­satz: Men­schen mit viel Geld zei­gen ein deut­lich höheres Glück­s­niveau. Doch ganz so ein­fach ist es nicht mit der Verbin­dung zwischen Reich­tum und Lebens­glück. Im­mer­hin, geben die DIW-Forsch­er zu be­denken, seien wohl­habende Men­schen meist auch bess­er ge­bildet, gesün­der und genössen ein höheres Prestige. Ob es nun diese Fak­toren seien, die eine größere Zufrie­den­heit aus­lösten, oder ob es doch am dick­eren Fi­nanzpol­ster liege, ließe sich nicht ein­deutig er­mit­teln.
Ganz ein­deutig lässt sie sich nicht beant­worten, die Frage nach dem Glück, das Reich­tum durch Reich­tum er­langt wird. Für Wirtschafts­forsch­er Tarek el-Se­hi­ty aber ist eines ab­so­lut klar: „Damit die Res­sour­cen zweck­di­en­lich zum Ein­satz ge­lan­gen, muss der Ei­gen­tümer eine konkrete Vorstel­lung von dem Zweck oder Ziel haben, dem diese Res­sour­cen di­e­nen sol­len“, erk­lärt er. Ist Kap­i­tal et­wa in einem Un­terneh­men ge­bun­den, ist die Frage nach dem Zweck meist sch­nell beant­wortet. „Wenn das Geld aber beispiel­sweise in einem Fam­i­ly-Of­fice liegt, dann muss früher oder später gek­lärt wer­den, wozu es di­e­nen sol­l“, sagt el-Se­hi­ty. Diese Frage müsse sich der Ei­gen­tümer unbe­d­ingt beant­worten. „Wer seinem Reich­tum kei­nen größeren Zweck geben kann, wird er­leben, wie er sich in und um ein jedes soziales Ver­hält­nis sch­leicht“, er­läutert der Ex­perte. „Und dann wird man den quälen­den Zweifel nicht mehr los, dass an­dere Men­schen nur des Geldes we­gen da sind und an der ei­ge­nen Per­son kein echt­es In­teresse haben.“ Reich­tum allein macht nicht glück­lich, sagt der Volks­mund. Und es lässt sich ohne jedes Au­gen­zwink­ern ergänzen: Es ge­hören auf je­den Fall auch Ziele dazu.

An­drea Martens I re­dak­tion@nied­er­rhein-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 07/2015



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