Schließen TEILEN MIT...

RANKINGS
Schließen
Schließen
Business

Mehr als nur Glas

Beim Fensterbau schaffen neue Technologien große Herausforderungen für die Hersteller. Aber Themen wie Smart Home stellen auch Chancen dar.

Bild oben: Der Einbau von Fenstern ist Millimeterarbeit (Foto: ©Robert Kneschke _stock.adobe.com)
Ein Fen­ster ist heute nicht mehr das, was es noch vor eini­gen Jahren war. Da­raus ergibt sich eine Her­aus­forderung, mit der vor allem die Fen­ster­baubranche zu tun hat. Denn mittler­weile muss ein Fen­ster deut­lich mehr kön­nen, als nur ein wenig Licht in den Raum zu lassen. Die Un­terneh­men ste­hen ger­ade erst am An­fang der Frage, in welche Bereiche das Fen­ster vor­drin­gen kann, vor allem im Bezug auf das The­ma Smart Home.
Die Branche selbst ist ur­sprünglich aus dem Hand­w­erk ent­s­tan­den. Neben klas­sischen Fen­ster­her­stellern ge­hören zum Bereich Fen­ster­bau auch Außen­türen­her­steller, Her­steller trans­par­en­ter Fas­sa­den und Win­ter­garten­her­steller. Laut ein­er Studie des Ver­bands Fen­ster + Fas­sade (VFF) gab es im Jahr 2015 ins­ge­samt 6.225 Fen­ster- und Türen­her­steller mit ins­ge­samt 100.000 Beschäftigten. Ins­ge­samt kon­nte die Branche 10,9 Mil­liar­den Eu­ro er­wirtschaften. Her­aus­ra­gend ist allerd­ings die Gewich­tung großer und klein­er Be­triebe: Denn ganze 5.963 der 6.225 Fen­ster- und Türen­her­steller kom­men mit weniger als 20 Mi­tar­beit­ern in der Fer­ti­gung aus. Lediglich 262 Be­triebe ver­fü­gen dem­nach über mehr als 20 Mi­tar­beit­er in die­sem Bereich. Die großen Her­steller hal­ten je­doch ei­nen Großteil des Marktes: Beim VFF hal­ten die 223 her­stel­len­den Mit­glied­er et­wa 60 bis 65 Prozent der Mark­tan­teile. Bei die­sen Zahlen nicht mit ein­be­zo­gen sind die vor- und nachge­lagerten In­dus­triezweige. Zusam­men mit den Bereichen Sch­löss­er und Besch­läge, Kun­st­stoff- und Me­t­all­pro­file, Holz, Glas, Dich­tun­gen, Rol­l­la­den und an­deres Zube­hör kommt die Fen­ster- und Fas­sa­den­branche auf rund 300.000 Mi­tar­beit­er in 58.000 Be­trieben. Ge­mein­sam er­wirtschafteten sie im Jahr 2014 34 Mil­liar­den Eu­ro.

Umkämpfter Markt

Der Einbau von Fenstern ist Millimeterarbeit (Foto: ©Robert Kneschke _stock.adobe.com)
Der Ein­bau von Fen­stern ist Mil­lime­terar­beit (Fo­to: ©Robert Kneschke _stock.adobe.com)

Für die Zukunft zeich­net Ul­rich Ts­chorn, der Geschäfts­führ­er des Ver­bands Fen­ster + Fas­sade, den­noch ein eher ver­haltenes Bild: „Jähr­lich haben rund 100 Be­triebe den Markt ver­lassen“, so Ts­chorn. Zwar wachse der Markt ins­ge­samt, er sei je­doch anges­pan­nt. Vor allem eu­ropäische Mit­be­wer­ber ließen sich nicht weg­denken. Auch die stetig neuen Her­aus­forderun­gen der Branche wer­den ihren Teil dazu beige­tra­gen haben. So machte die En­ergieeins­parverord­nung von 2009 den Be­trieben zu schaf­fen: „Da­vor hat­ten wir meist Fen­ster mit Zwei­fachver­gla­sung und Rah­men mit ein­er Dicke von 65 bis 68 Mil­lime­tern. Jet­zt sind wir bei 75 bis 78 Mil­lime­tern und Drei­fachver­gla­sung“, so Ts­chorn. Das bringe bessere Däm­mei­gen­schaften, sei aber auch mit enor­men In­vesti­tio­nen bei den Un­terneh­men ver­bun­den gewe­sen.
Eine weitere Her­aus­forderung stellt die Auf­trags­lage dar. Waren die Auf­tragge­ber für den Fen­ster­bauer vor eini­gen Jahren noch vor­wie­gend Bauher­ren von Ein- und Zwei­fam­i­lien­häusern, sind heute durch den Mehr­fam­i­lien­haus­bau größere Ein­heit­en das Tages­geschäft. Die Auf­tragge­ber sind meist gewer­blich­er Na­tur und treten da­durch in ei­nen viel härteren Wett­be­werb. Ger­ade für kleine Be­triebe liegt darin eine große Ge­fahr. Gleichzeitig stag­niert die pro­f­itablere Mod­er­nisierung. Von den 2,5 bis drei Prozent, die es brauche, um die Kli­maschutzziele bis 2050 zu er­reichen, sei man nach Ts­chorn weit ent­fer­nt. Ger­ade befinde sich die Rate der Ge­samt­mod­er­nisierung bei rund einem Prozent. Weniger Mod­er­nisierung be­deutet er­go auch weniger Ein­nah­men in dem Bereich.
Zulet­zt ist auch die Mon­tage eine Her­aus­forderung, mit der sich die Branche beschäfti­gen muss. Denn das Gewicht der Fen­ster wächst. Es wird al­so zusät­zliche In­vesti­tio­nen in He­be­hil­fen geben müssen, die sich dann auch auf die Rech­nun­gen nied­er­sch­la­gen wer­den.

In­di­vi­du­ell statt Massen­ware

Fenster sind Tausendsassas: Sonnenschutz ist nur ein Fachgebiet (Foto: VFF/Schüco)
Fen­ster sind Tausend­sas­sas: Son­nen­schutz ist nur ein Fachge­bi­et (Fo­to: VFF/Schü­co)


Was die Ges­tal­tung der Fen­ster selbst ange­ht, ge­ht der Trend zur In­di­vi­d­u­al­isierung. Ts­chorn beschreibt die Si­t­u­a­tion an einem Beispiel: Jedes Ge­bäude habe vi­er Him­mel­s­rich­tun­gen, ein Ein­fam­i­lien­haus et­wa acht Räume mit je einem an­deren Nutzen. Wichtig sei nun, die Frage zu stellen: In welche Him­mel­s­rich­tung baue ich zu welchem Nutzen ein Fen­ster? „Wenn ich das im Verkauf um­setzen kann, ver­baue ich in einem Ein­fam­i­lien­haus mit 15 Fen­stern 13 ver­schie­dene Type­n“, so der Geschäfts­führ­er. All­ge­mein ge­ht der Trend zu großen Fen­ster­flächen und ein­er be­ton­ten Ar­chitek­tur in der Senkrecht­en und Ger­a­den. Bei den Werk­stof­fen wird mittler­weile größ­ten­teils auf eine Mischung ge­set­zt, beispiel­sweise mit Holz und Alu­mini­um oder Kun­st­stoff und Alu­mini­um. Ein großes The­ma bei der Zukunft des Fen­sters ist das Smart Home. Die Möglichkeit­en sind zahl­reich. Ganz ein­fach lässt sich z.B. auf dem Tablet oder Smart­phone anzei­gen, ob wirk­lich alle Fen­ster ver­schlossen sind. Auch die Kop­plung mit der Heizung ist kein Problem. Wenn die Fen­ster geöffnet sind, schal­tet die Heizung au­to­ma­tisch ab. Rol­l­lä­den, die au­to­ma­tisch hoch- und run­ter­fahren und beispiel­sweise auf das Kli­ma im Raum acht­en, sind eben­falls kein Hex­en­w­erk mehr. „In dem Ge­bi­et müssen wir alle noch ler­nen“, sagt Ul­rich Ts­chorn. Sch­ließlich ste­ht die dig­i­tale Ver­net­zung des ge­samten Haushalts noch in den Kin­der­schuhen.

RAL ste­ht für Qual­ität

Große Fensterflächen sind modern (Foto: VFF/Interpane)
Große Fen­ster­flächen sind mod­ern (Fo­to: VFF/In­ter­pane)

Es bleibt die Frage, wie die Qual­ität von Fen­stern und deren Ein­bau über­prüft wer­den kann. Eine Grund­lage bi­etet hi­er das Prüf­sys­tem des In­sti­tuts für Fen­stertech­nik Rosen­heim (ift Rosen­heim). Mehrere Zeichen (ift-Stan­dard, ift-Qual­ität und das RAL-Gütezeichen Fen­ster, Fas­sa­den und Haustüren) geben Auskunft über die Qual­ität des Fen­sters. Bestätigt das Zeichen „ift-Stan­dard“ nur die bau­rechtlichen Min­des­tan­forderun­gen, wer­den bei „ift-Qual­ität“ schon zusät­zliche Ei­gen­schaften wie Sicher­heit und Funk­tio­n­al­ität über­prüft. Das höch­ste Zer­ti­fikat stellt das RAL-Gütezeichen der Gütege­mein­schaft Fen­ster, Fas­sa­den und Haustüren e.V. dar, bei der Ts­chorn eben­falls als Geschäfts­führ­er tätig ist. Fen­ster, die das RAL-Gütezeichen haben, haben sich mehr­eren Über­prü­fun­gen zu stellen, beispiel­sweise bei der Dauer­funk­tion und der Be­las­tung der Bauteile. Auch auf die Qual­i­fika­tion der Mi­tar­beit­er wird geachtet. So braucht es im Be­trieb ei­nen Güteprüfer und ei­nen Mon­tagev­er­ant­wortlichen, der auf Bau­physik und Mo­natetech­nik geschult ist. So ist gesichert, dass jedes Ge­bäude auch die richti­gen Fen­ster bekommt, die beispiel­sweise an die Ei­gen­schaften des Mauer­w­erks ange­passt sind.
„Wenn Kun­den die Ei­gen­schaften des Pro­dukts Fen­ster ken­nen wür­den, wür­den sie es viel mehr schätzen“, so Ts­chorn. Denn Fen­ster seien eben nicht nur trans­par­ente Bauteile, die ein Loch ver­sch­ließen, son­dern für deut­lich mehr zuständig: für die Kli­ma­tren­nung zwischen drin­nen und draußen, für Licht, so­laren Zugewinn, Schalldäm­mung, Ein­bruch­schutz, mi­tun­ter so­gar Hoch­wass­er-
schutz. Natha­nael Ull­mann | re­dak­tion@nied­er­rhein-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 05/2017



WEITERE INHALTE

Ulrich Tschorn, Geschäftsführer des Verbands Fenster + Fassade
Ulrich Tschorn, Geschäftsführer des Verbands Fenster + Fassade